Der Wald durch das Jahr


Ich hörte mal jemanden sagen, es sei schwierig den Wald zu fotografieren.

Darauf kann ich nur antworten:
"Es kommt auf den Wald an.


Vor ein paar Jahren legte ich meinen Lebensmittelpunkt vom Niederrhein nach Bayern ins die Altmühltal.
Am Niederrhein gibt es landschaftlich bedingt nur 17% Waldfläche. Die Wälder dort sind verhältnismäßig langweilig, teilweise durch Brombeeren, Farne und viel Unterholz unzugänglich.
Im Altmühltal bin ich von vielen schönen Wäldern mit einer hohen Biodiversität umgeben. Die Wälder werden durch Wacholderheiden, Flüsse und Bäche durchbrochen. Wanderwege führen durch die verschiedensten Landschaftstypen mit ihrem typischen Bewuchs.
Keine meiner bisherigen Touren waren langweilig. Ich habe für mich immer wieder Neues entdeckt.

Die Wälder befinden sich auf dem bayrischen Jura. Viele der hier vorkommenden Pflanzen sind auf kalkhaltige Böden angewiesen und daher auch in den Wäldern zu finden.
Das Gestein ist durch Auswaschungen von großen und kleinen Hohlräumen durchsetzt, in denen sich das Schmelz- und Regenwasser sammelt und an einigen Stellen als Quelle wieder hervor treten. An manchen Stellen sind sind die Holräume nach oben offen und bilden Moore.
In jedem Habitat gibt es eine spezielle Tier- und Pflanzenwelt. 

Der Wald durch das Jahr

Der Wald im Januar

Im Januar herrscht Winterruhe im Wald. Allerdings ist der nicht so ruhig. Die Bäume knarzen im Wind, das Wasser der Bäche und Quellen plätschert vor sich hin und ein paar wenige Rufe der Tiere durchdringen den Wald. In der Ferne hört man auch schon mal eine Motorsäge oder das Aufschlagen eines Baumes. Unter den Füßen gibt der Schnee oder Matsch entsprechende Geräusche von sich.

Die Sonne steht nun tief am Himmel und erreicht nicht mehr alle Teile des Waldes. An einigen Stellen ist nun dauerhaft der Frost. Bäche frieren vom Rand her ein und bringen schöne Eisfiguren hervor. Wenn es aber geschneit ist  es im  Wald meist still. Geräusche werden durch den Schnee geschluckt. Die Sonne und  Nebel wirken manchmal mystisch, mal entsteht eine Glitzerwelt. Nebel, Frost und Wind sind Baumeister langer Eiskristalle, die sich im Wald überall anhaften.

Der Wald im Februar

Der Februar ist in der Regel der schneereichste Monat. Die Tage werden etwas länger und der Sonnenstand ändert sich und damit auch das Licht. Bei Schnee ist es eine schöne Zeit für die Schwarzweiß Fotografie, denn in dieser Zeit sind die Kontraste am stärksten. Die Buchen haben über den Winter nicht alle ihre braunen Blätter verloren. Sie bilden dann einen schönen farbigen Kontrast zur sonst eher schwarzweißen Umgebung. 

Der Februar ist aber nicht mehr so schneereich wie es früher mal war und bei sonnigem Wetter erwärmt sich der Waldboden und die ersten Blüten treten hervor. So zeigen sich die ersten Schneeglöckchen am Waldrand und in sonnigen Lagen sieht man vereinzelt die ersten Leberblümchen. Je nach Witterung zeigen sich In den feuchten Wäldern auch schon die ersten Märzenbecher. Die Blätter des Aronstabs drücken ebenfalls durch Waldboden. 

Der Wald im März

Im März ist es zwar an manchen Tagen noch kalt und es kann auch mal den ein oder anderen Schneeschauer geben, aber der Winter ist nun vorbei und der Frühling zieht in den Wald ein. Die Märzenbecher strecken sich in die Höhe, um möchlichst viel Frühlingssonne abzubekommen. Sie überziehen den Waldboden ganzer Wälder, Waldränder und Wiesen. Diese Blüten machen ihrem Namen alle Ehre.

Ab und an sieht man mal ein Reh mitten in so einem Blütenmeer stehen. Spechte oder Kleiber hört man an den Bäumen klopfen. Es ist die Zeit der Paarungsuche und des Nestbaus. Frösche machen sich auf den Weg zu ihren Laichplätzen. Und mit etwas Glück begegnet man den Feuersalamander. Die Bäche haben noch relativ viel Wasser, was weitere Lebewesen anzieht. Erste Hummeln brummen auf der Suche nach den ersten Pollen durch den Wald.

Der Wald im April

Im April immt die Pflanzenwelt Fahrt auf. Jeder strebt nach dem Licht und muss sich beeilen, bevor sich das Blätterdach wieder schließt. Die meisten Vögel haben ihren Partner gefunden, vielleicht schon ein Nest gebaut und Eier gelegt. In einem Wald bei mir in der Nähe findet jetzt ein Pflanzenwechsel statt. Die Märzenbecher verblühen und ziehen sich ins Erdreich zurück und machen für den Bärlauch Platz.

Der Bärlauch überzieht den ganzen Wald mit seinen duftenden Blättern. Wenn er noch keine Blüten hat, hat er die besten Wirkstoffe und mich zieht es zum Pflücken dorthin. Diesen verarbeite ich dann mit Spinat zu leckeren Gerichten. Ich habe aber auch schon Bärlauchsalz, -öl oder Pesto davon gemacht. In der Regel ist er mir aber frisch am liebsten. Zwischen dem Bärlauch wachsen aber noch andere Blüten, wie die Schlüsselblume, oder die Blätter des Maiglöckchen oder der Türkenbundlilie.

Der Wald im Mai

Im Wonnemonat Mai wird der Wald immer lebendiger. Das Blätterdach der Buchen beginnt sich zu schließen. Der Bärlauch bedeckt mit seinen weißen Blüten den Waldboden. Die Leberblümchen am Wegesrand ziehen sich langsam zurück. Dafür findet man viele andere Blumen, wie die Akelei, die ich im Wald nicht vermutet hätte. Die Vögel sind nun mit der Versorgung ihrer Brut beschäftigt und die kleinen Spechte hört man in den Bäumen rufen. 

Wenn ich nicht gerade etwas im Wald sammle, bin ich mit der Kamera unterwegs um die Schönheit des Blütenmeeres festzuhalten. Im Mai zeigen sich auch die zarten Blüten der Waldorchideen. Ich bin oft im Wald um nach ihnen zu suchen, und musste erst einmal den Zeitpunkt finden, wann sie in Blüte stehen. Ende Mai findet man an einigen Stellen den Frauenschuh. Seine Blüte zieht sich je nach Witterung bis in den Juni hinein.

Der Wald im Juni

Im Juni hat sich das Blätterdach der Buchenwälder wieder geschlossen und lässt nicht mehr so viel Licht durch. Der Bärlauch wird steckt seine Kraft in die Brutzweibeln und wird welk und verschwindet bis zum nächsten Frühling im Waldboden. Auf Lichtungen wachsen nun andere Pflanzen. Die Brennesseln werden kräftiger, die Himbeeren blühen und tragen Ende Juni manchmal schon die ersten Früchte. Auch erste Blaubeeren habe ich schon im Juni gepflückt.

Fotografisch rücken Insekten und Schmetterlinge in den Fokus. Sie sind nun recht agil und auf der Suche nach Fressbarem. Raupen fressen sich an ihren Wirtspflanzen satt. In den Fichtenwäldern kann man nun den Fichtenspargel finden. Ende Mai Anfang Juni blüht der Frauenshuh. Im Juni besteht aber auch die Möglichkeit, die ersten Steinpilze zu sammeln. Dazu bedarf es aber einen feuchten Frühling.

Der Wald im Juli

Nun ist der Sommer da. Die Sonne hat den Zenit überschritten und die Hitze bestimmt nun das Leben im Wald. Ich ziehe mich dann auch gerne in den Wald zurück. Es ist Erntezeit der Blaubeeren. Mit einem Blaubeerkamm ziehe ich los und sammle mir meinen Wintervorrat zusammen. ich koche sie ein und mache Marmelade daraus. Auch halte ich immer Ausschau nach Himbeeren, die mal im Juni und mal im Juli tragen. 

Im Juli besuche ich auch gerne meinen Märzenbecher-/Bärlauchwald in dem im Juli die Türkenbundlilie blüht. Sie blüht vereinzelt auch in anderen Buchenwäldern, im besagten Wald aber besonders üppig. Ich war schon oft dort, um die schönen Blüten einzufangen. Im Zusammenspiel mit den weißen Doldenblütern kommt deren Zartheit zum tragen. Wenn ich so ein Fotovorhaben habe, dann besuche ich diese Stellen immer wieder um den richtigen Zeitpunkt zu finden.

Der Wald im August

Im August bin ich weniger in unseren heimischen Wäldern. Das war immer miene Urlaubszeit, in der ich mehr in Skandinavien unterwegs war und dort die Wälder unsicher gemacht habe. Vor allem aber habe ich in den Wäldern nach Pilzen und Preiselbeeren Ausschau gehalten.  In Norddeutschland habe ich jetzt einen Wald mit Preiselbeeren entdeck, der wie ein Bodendecker den Waldboden bedeckte. Die Preiselbeeren trugen Früchte und Blüten zugleich.

Hierzulande findet man in kühleren Lagen sicherlich vereinzelt noch Blaubeeren. In den Randlagen der Kiefernwälder blüht im August die Heide. Und die Preiselbeeren reifen auch zu dieser Zeit. In Skadinavien bestehen die Wälder überwiegend aus Kiefern, Fichten und Tannen. Der Waldboden ist oft von Moos bedeckt, in das man tief einsinkt, wenn man darüber läuft. Ab und zu findet man Maronen, Steinpilze und Pfifferlinge. 

Der Wald im September

Der September ist für mich der Pilzsammelmonat. An meinen freinen Tagen bin ich dann im Wald und gehe meine Sammelreviere ab. Im feuchtwarmen Sommer 2024 fand ich die ersten Steinpilze im Juni. Der Wechsel zwischen warmen und feuchtem Wetter hat das Pilswachstum gefördert und die Fruchtkörper aus dem Boden sprießen lassen. Es gab auch außergewöhnliches viele Steinpilze. So viele hatte ich zuvor noch nie gefunden. 

An einer Stelle, wo wohl mal ein Waldfahrzeug tiefe Spuren im Erdreich hinterlassen hatte, habe ich 120 Kiefernsteinpilze gefunden, die alle einwandfrei waren und die sich gut trocknen ließen. Aber auch viele andere Pilze gibt es dort zu finden. An der einen Stelle wachsen Reizker, an einer anderen Lacktrichterlinge oder der Kuhpilz. Ich habe auch eine Stelle gefunden, wo der Kornblumenröhrling wächst, der sich bei Verletzung sofort tiefblau verfärbt. Mit Handyfotos dokumentiere ich meine Funde.

Der Wald im Oktober

Im Oktober gehe ich gerne wieder in den Buchenwald. Auch bei schlechtem Wetter hat man dann das Gefühl, dass die Sonne scheint. Und wenn sie scheint leuchten die bunten Blätter noch intensiver. Aber auch hier wachsen auf dem abgestorbenen Holz Pilze. So kann man dort das Stockschwämmchen finden. Auf Fichtenholz, sehe ich häufig den Halimasch, der das Holz zersetzt. Hat man Bäume, an denen der Pilz wächst, dann ist es um den Baum geschehen.

Die Pilze sind überall, in allen Farben und Formen, welche die wie der Gallenröhrling gut aussehen aber jegliches Essen verderben. Und dann gibt es Pilze, von denen man nicht vermutet, dass sie essbar sind. Der Oktober ist aber auch ein Monat mit Herbststürmen. Dann sollte man besser nicht in den Wald gehen. Viele Bäume haben morsche Äste, die gerne schon mal herunter fallen. Ein Baum ist mal vor meinen Augen zerborsten.

Der Wald im November

Im Noveber setzten sich die Stürme fort und fegen die Blätter von den Bäumen und bereiten dem Boden und den darin überwinternden Tieren eine warme Zudecke. Sonnenstrahlen werden auch wieder auf den Waldboden gelassen. Reife Eicheln, Bucheckern, Nüsse und andere Samen bereichern den Winterspeisezettel der Waldbewohner. Pilze kann man noch bis zum Frost sammeln.

Wenn im November die Tage wieder küzer werden, verändern sich auch wieder die Lichtverhältnisse. Nebel bringt wieder Mystik in den Wald. Waldarbeiten stehen wieder an und der ein oder anderen Baum ist zum Fällen wieder markiert. Auch muss der Wald auf Schädlingsbefall geprüft werden. Vor allem nach trockenen Jahren ist dieser besonders hoch. Der Borkenkäfer hat es in kurzer Zeit geschafft, ganze Wälder zu befallen und die Bäume absterben lassen.

Der Wald im Dezember

Bis Dezember hat es meist schon den ersten Schnee gegeben. Meist taut er aber innerhalb kurzer Zeit wieder weg, weil es einfach zu warm ist. Als ich nach Bayern zog, war ich davon ausgegangen, dass es deutlich mehr Schnee gibt als am Niederrhein. Mehr Schnee gibt es, aber nicht deutlich mehr.  Der Winter ist heute in Bayern so schneereich wie vor 40 Jahren am Niederrhein. Um winter zu haben, bin ich früher gerne im Winter nach Norwegen gereist. 

Irgendwie braucht man den Schnee, um sich auf den Frühling zu freuen. Der Wald ist im Winter aber oft so grün, dass man meint der Frühling ist nicht mehr weit. Aber das ist ja erst der Beginn des Winters und eine lange Zeit bis ich die Blumenpracht wieder genießen darf. Wenn es im Winter kalt ist, halte ich mich gerne an Gewässern auf. Es ist immer schön mit anzusehen, wenn die Ränder zufrieren und Wassersprizer Skulpturen formen.